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Auf dem Weg vom Mann zur Frau

Vom Ringen um das Geschlecht

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(veröffentlicht im Connection Tantra Special 81: Erotik & Kreativität)

Etwas nervös fahre ich zum Seminarort. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was mich erwartet. Trotz einiger Vorbesprechungen mit Michaela, die bei mir die Ausbildung zur Tantralehrerin macht, ist mir mulmig zumute. Kann ich den Menschen, denen ich gleich begegnen werde, überhaupt gerecht werden? Ich habe keinerlei Vorerfahrung. Mit einer gesunden Unsicherheit betrete ich das unbekannte Neuland. Überall herrscht noch Geschäftigkeit. Die Reste des gemeinsamen Frühstücks werden miteinander beseitigt. Ich bewege mich mitten hindurch zum wunderschön geschmückten Seminarraum und suche nach passender Einstimmungsmusik. Oder halte ich mich nur an der Musikanlage fest? Zumindest lasse ich von diesem vertrauten Platz zaghaft meine Blicke schweifen und taxiere Raum, Zeit und die sich darin bewegenden Formen. 
Wir warten noch ein paar Minuten, Sabrina fehlt noch!“, verkünde ich, als alle ihren Platz  im Kreis eingenommen haben. „Da sitzt sie doch!“ erwidert jemand mit deutlichem Fingerzeig. Ein gestandener Mann schaut mich nickend an. Schon wieder ein Schreck. Alle sind da und es kann losgehen. 

Mein Name ist Birgit, sagt Ralf
Wir beginnen vorsichtshalber mit der Reise nach innen. O Formlosigkeit, Dank sei dir, dass du mir einen kurzen Fluchtweg gestattest, bevor ich meine Augen für die Welt der Form zur Verfügung stelle! Inwendig ist es warm wie immer und ich verbinde mich mit der Güte des Herzens und der Tiefe jenseits aller Gedanken. Und nehme alle - so weit sie wollen und können - mit dorthin. Gestärkt tauche ich auf für die Stunden der Wahrheit, die dieser Samstag für mich bereithält und schaue mich um: Offene Männergesichter lächeln mich erwartungsvoll, ja zuversichtlich an. Dazwischen sitzen Michaela und Patricia - die Freundin eines Teilnehmers. Ob dies meine erste Männergruppe sein wird? Kaum zu glauben, dass das geplante Abendritual in einem Kreis von Männern durchführbar sein soll. Wie schwierig Körperkontakt unter Männern ist, ist doch mein tagtägliches „tantrisches Brot“. 
Zunächst teile ich ehrlich meine Befindlichkeit mit. Was wir hier machen, ist Pionierarbeit. Meine tantrische Erfahrung stelle ich gerne zur Verfügung als Ausbildungsleiterin für Michaela und natürlich für alle hier Anwesenden. Aber ich habe keinerlei Erfahrung mit dem Thema des Seminars und entschuldige mich schon einmal vorsorglich, falls ich in ein Fettnäpfchen treten sollte. 
Die Vorstellungsrunde beginnt.  Ein Mann nach dem anderen spricht: „Ich heiße Birgit und freue mich, dass es so ein Seminar gibt. Mein Männername ist Ralf. Du kannst mich so nennen, wie du willst. Heute sind mir beide Namen recht.“ Andere möchten nur mit ihrem Frauennamen angesprochen werden. „Heute fühle ich mich ganz als Michael, also sprecht mich bitte auch so an!“ ergänzt ein anderer. Ich atme tief durch. Gutaussehende, sehr männlich wirkende Männer, ein Firmenchef darunter, behaupten einfach, sie seien Frauen. Meine Sinne rasen mit dem Verstand um die Wette. Nein, es ist nicht zu fassen. Wieder einmal schenkt mir das Leben eine etwas groteske Möglichkeit, mich aus gewohnten Denk- und Verhaltensstrukturen schonungslos hinauszukatapultieren.  Ines sieht aus wie eine richtige Frau und ist es auch. Sie hat die „große Lösung“ hinter sich. Karl schaut sie bewundernd an: „Das habe ich auch vor!“   Er erhofft die endgültige Er-Lösung von seinem inneren Dilemma. „Es ist auch als Frau nicht zu Ende. Deine Vergangenheit bleibt. Du kannst sie nicht einfach abschneiden“, erwidert Ines.

Ich gebe auf, und das Seminar beginnt
Alles erscheint mir ziemlich verrückt. Mein innerer Kampf hat keinen Zweck. Ich gebe auf.  Und das Seminar beginnt …
Kundalinischütteln und das Chakraatmen laden die erfahrbare Gegenwärtigkeit ein und entlasten mich als Gruppenleiterin erst einmal. Was im Raum spürbar ist, unterscheidet sich kein bisschen von allem, was ich kenne. Ein ganz normales Tantra-Gruppen-Feeling. Erneutes tiefes Durchatmen: Alles ist in Ordnung - beweisbar durch Hin spüren mit geschlossenen Augen. Die Herz- zu Herz-begrüßung aller Anwesenden geschieht ebenfalls jenseits des Geschlechtlichen. Erst als sich jeder (oder jede?) zwischen Lingam und Yoni, männlich und weiblich - zwei im Raum fixierter Pole - einsortieren soll, wird es wieder aufregend. Es gibt genügend Zeit, die verschiedenen Möglichkeiten für sich auszuloten.  Fast alle stehen am Ende jedoch im Bannkreis praller Weiblichkeit und schmunzeln selig. In kleinen Rederunden beginnt der Austausch über das Mann- und das Frausein und wie es im Alltag gelebt wird. Von allen bekundetes Seminarziel: Das Weibliche noch viel mehr leben zu können!

Das innewohnende Weibliche nach außen zeigen
Natürlich war mir klar, dass es Transvestiten gibt. Nur dachte ich, dass das Männer seien, die sich ab und zu als Frau verkleiden, um durch solches Spektakel Geld zu verdienen, also reines Show-Business. Auch dass es hier und da jemanden gibt, der sich geschlechtsumwandeln lässt, ist allseits bekannt.  Bereits vor dem Seminar hatte mich Michaela diesbezüglich jedoch näher aufgeklärt: 
In ihrer Praxis für ganzheitliche Schönheitsberatung arbeitet sie mit „Transen“ und zwar Mann-zu- Frau-Transsexuellen. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Ausprägungen. Transvestitisch veranlagte Männer  haben ein ganz normales Männerleben und einen Männerkörper. Sie lieben es, manchmal in die weibliche Rolle zu schlüpfen. Das ist mit angenehmer Aufregung und oft auch mit sexuellem Reiz verbunden. Sie finden die Möglichkeit, gelegentlich Frau zu sein, enorm bereichernd und erfüllend. Michaela hilft Ihnen, das entsprechende Outfit zu finden, schminkt und berät sie. Hält die passenden Perücken, Brust- und Hüftpolster bereit und steht auch für so manches Seelen tröstende Gespräch zur Verfügung. Es geht keinesfalls um Show-Business, sondern um das Verwirklichen eines unüberhörbaren inneren Dranges, das innewohnende Weibliche auch außen zu zeigen. Viele transvestitisch veranlagte Menschen leben diese Neigung allerdings heimlich aus und führen ein Doppelleben.

Körperumwandlungen
Transsexuelle Menschen in Behandlung dagegen haben auf ihrem Weg zum optischen Frausein keinen reinen Männerkörper mehr. Es sind „künstlich geschaffene körperliche Mischwesen“. Durch lebenslange Hormoneinnahme wachsen ihnen Brüste und ihr männlicher Sexualtrieb verliert an Einfluss. Sie fühlen sich- und leben auch meist - als Frau. Ihre größte spürbare Einschränkung ist das männliche Geschlechtsorgan und das damit zwangsläufig verbundene männlich geprägte Sexualleben, das viele von ihnen ablehnen. Oft leben Transsexuelle mit kleiner Lösung (also ohne Operation / Geschlechtsumwandlung) sowohl als Mann als auch als Frau. Viele trauen sich nicht, sich zu outen -  ein sehr belastendes Versteckspiel.  Und schließlich gibt es noch die „ehemals“ Transsexuellen, die sich für die „große Lösung“ entschieden haben. Durch eine abgeschlossene, geschlechtsangleichende Operation und lebenslange Hormoneinnahme leben sie nun als Frau. Dem inneren Empfinden, eindeutig eine Frau zu sein, wurde nun auch der Körper angeglichen. Die Unterscheidung von biologischen Frauen ist manchmal nur noch medizinisch anhand von Chromosomensatz oder Knochenbau. Trans-Sein als Schicksal dagegen hört aber wohl nie ganz auf…

Männer in der Selbstfindung als Frau unterstützen
Michaela Butsch-Magin hat mehrere Berufsausbildungen mit Auszeichnung abgeschlossen: Sie ist Schneiderin, Kosmetikerin, Friseurin, und Visagistin. Viele Weiterbildungen wie z.B. Farb- und Stilberatung, Arbeiten im Bereich Tanz und Theater und die Beschäftigung mit Fotografie befähigen sie, jeden Menschen optimal zu beraten und zu stylen. Doch in den letzten Jahren hat sich für sie ganz klar herauskristallisiert, dass sie ihr Herz und ihre Leidenschaft ganz den Mann-zu-Frau-Transgendern  widmet. Mit Tränen der Rührung sagt sie: „Jetzt weiß ich, wieso ich so viele Ausbildungen gemacht habe. Das habe ich für diese Menschen gemacht. Und durch meine Tantraausbildung und das Familienstellen will ich auf tieferen Ebenen unterstützen und besser helfen, als ich es bisher durch die äußeren Hilfsmittel tun konnte! Das ist die Berufung meines Lebens!“ Was für mich eine skurrile Welt zu sein scheint, ist ihr Zuhause. Sie hat keinerlei Kontakt- und Berührungsängste, keine Scheu, auf direkte und sehr liebevolle Weise mit den Menschen, die zu ihr kommen, umzugehen. Immer mehr ergänzt sie die äußere Lebenshilfe durch tiefe Beratungsgespräche. (www.anima-projekt.de) 

Familienaufstellung für Transen
Nach der Mittagspause, in der ich einen ausgedehnten Spaziergang an der frischen Luft mache, stärken wir die körperliche Präsenz durch Bewegung und Tanz. Danach widmen wir uns  der geplanten Aufstellungsarbeit. Eine der wichtigsten Aufstellungsregeln, die ich stets beherzige, besagt, dass ein Mann für einen Mann, eine Frau für eine Frau stehen muss. Sie kommt hier mit mir zusammen ins Wanken. Ich spreche darüber und wir sind alle bereit, zu schauen, ob es trotzdem funktioniert. Meine Hypothese bezüglich der Trans-Frauen, dass nämlich eine „vergessene“ Frau aus dem Familiensystem durch die Betroffenen leben möchte, erläutere ich unter anderem in einem einführenden Vortrag. Einige sind direkt betroffen und geben Rückmeldung: Da ist die Zwillingsschwester der Mutter bei der Geburt gestorben. Dort hat sich die Schwester der Großmutter als junge Frau aus Liebeskummer vor einen Zug geworfen.  Eine Tante hat Selbstmord verübt…. 
Die Aufstellungsarbeit funktioniert. Sie ist so heftig, dass alle zutiefst erfasst werden. Mir kommt es vor, als werde eine Lawine losgetreten….. 
„Liebe Tante Emilie! Du bist nicht vergessen. Dein Schicksal war schwer und ich sehe Dich. Wenn ich mich zur Frau verwandle und ganz als Frau spüre, dann lebe ich auch für Dich!“ Tränen überströmen das Gesicht des Neffen. Eine tiefe Liebe verbindet ihn mit der Tante. Am liebsten würde er für immer in ihrer liebenden Umarmung bleiben. Alle anderen im Raum sind tief bewegt. Innige Umarmungen untereinander lassen den gemeinsamen Schmerz verebben.

Das tantrische Wunschritual
In der Abendpause treffe ich mich mit meinem Mann zum Abendessen. Erneut atme ich tief durch. Ich bin die Frau – er ist der Mann. O wie wunderbar! Wie es mir wohl gehen würde, wenn auch mein Mann ein Doppelleben führen würde, und sich in heimlichen Nächten als Frau vergnügte? Es ist schön, mit ihm über alles reden zu können und mich in der „Normalität“ zu erholen. Fröhlich, und nun nicht mehr so unsicher, fahre ich zur Gruppe zurück. Kaum habe ich die Tür geöffnet, trifft mich der Schlag. Ich bin umringt von lauter attraktiven Frauen und habe Mühe, herauszufinden, welche „Männer“ dahinterstecken. Erst einmal bin ich sprachlos, schaue und staune. Da tappe ich in das von Anfang an befürchtete Fettnäpfchen: „Ihr habt Euch alle so toll verkleidet!“ Michaela gibt mir einen Wink und nimmt mich zur Seite.  „Das Wort verkleiden kränkt. Es handelt sich nicht um Verkleidung!“ Ich entschuldige mich und bitte um Verständnis, was mir freundlich gewährt wird. 
Zu Beginn des Rituals muss ich mir wirklich noch weitere Zeit geben, die Frauengestalten auf mich wirken zu lassen: Kleidung, Frisur, Schuhe, Bewegung, Schminke…. Dann fasse ich mich und erkläre Sinn und Ablauf von tantrischen Ritualen. Der heutige Abend ist dem tantrischen Wunschritual in Kleingruppen gewidmet. Jede/r darf sich eine halbe Stunde lang verwöhnen lassen von den „Dienerinnen“ seiner/ihrer Gruppe. Körperliche Berührung, anerkennende Worte, Stärkung des Weiblichen - ich gebe einige konkrete Hinweise. Und bin gespannt. Das Ritual beginnt ohne jeglichen Widerstand. Vor meinen Augen entfaltet sich pure Weiblichkeit. Die Männergruppe von heute Morgen ist eindeutig zu einer Frauengruppe geworden. Und zwar nicht nur durch die äußere Veränderung. 

Lauter schöne Frauen
Der Raum ist angefüllt mit weiblicher Energie, der Umgang miteinander so achtsam, fürsorglich, voller Hingabe, wie ich es nur von meinen Frauengruppen kenne. Während ich durch das Ritual hindurchführe, pulsiert reine Liebe in einem unendlichen Strom durch mich hindurch. Schon wieder fühle ich tantrische Heimatgefühle, die ganz eigene Energie des Frauenkreises. Mein Kopf hüpft immer noch ratlos hin und her und versucht verzweifelt das Erlebte in nicht vorhandene Schubladen einzusortieren. So schachmatt habe ich ihn selten erlebt. Ich beginne richtig, diese Frauen zu genießen, ihre äußere Pracht und noch viel mehr ihre innere Schönheit. Im Abschlusskreis drücken alle ihre Freude und ihr Berührt sein aus. Natürlich wollen sie wissen, wie es mir nach diesem Tag mit ihnen geht. Ich blicke im Kreis herum, schaue allen in die Augen und sage: „Im Laufe des Tages habe ich Zugang zu Euch gefunden und der heutige Abend ist für mich zauberhaft! Ihr seid alle ganz, ganz wunderschöne Frauen. Ich sehe es nicht nur, sondern ich fühle es – und das ist ein großer Unterschied!“ 
Ein schöneres Geschenk hätte ich ihnen nicht machen können. Das sagen mir ihre feuchten Augen. Erstaunlich, dass ich jetzt, am Ende des Tages, alle Frauennamen kenne und nur noch zwei Männernamen weiß! 

Menschsein jenseits der Geschlechterrolle
Die Grundfragen des Menschseins bleiben die Gleichen, auch wenn das Schicksal in der Welt der Formen variiert. Tantra hat eine Antwort für alle, die suchen und fragen. Wege treffen sich dort, wo die Identifikation mit  äußerer Form, Körper und Verstand in Frage gestellt wird. Wenn das Bewusstsein aus dem Traum von Form und Materie erwacht, spielt all das keine Rolle mehr, was innerhalb der Polarität das Leben schwer macht. In dieser Hinsicht ist das Trans sein vielleicht sogar ein besonderes Sprungbrett ins zeitlose Sein.  
Ich werde Michaela bei ihrer Arbeit so lange unterstützen, bis sie sie alleine weiterführen kann. Inzwischen hat schon das zweite Animaseminar stattgefunden und ich bin lockerer geworden, vielleicht sogar ein bisschen frech. „Jetzt brauche ich ganz eindeutig zwei Männer, die mir schwere Kisten ins Auto schleppen. Wer kann mir helfen?“ Spontan springen hilfsbereite Teilnehmer herbei und lachen mir zu. Und schleppen die Kisten.  „Wir freuen uns auf das nächste Mal – hoffentlich bald!“

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