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Stützräder auf dem Weg zum Liebesglück
Ein Artikel von Regina Heckert

 

Dieser Artikel erschien im Connection-Magazin. Das Connection-Magazin - unter Regie von Sugata Wolf Schneider - widmete sich über 30 Jahre lang tantrischen Themen. Dabei war Regina Heckert viele Jahre Autorin bei Connection und veröffentlichte regelmäßig  Artikel rund um die Themen Tantra, Meditation und Spiritualität.

In ihrem Artikel "Tantra Rituale: Stützräder auf dem Weg zum Liebesglück" lässt Regina Heckert die bereichernde und heilsame Welt der Tantra Rituale aufblühen. Nutzen Sie die Kraft dieser wunderbaren Stützräder!

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"Tantra Rituale räumen den Weg, zu mehr Liebe und Glück, frei."

Rituale…

dienen den meisten Menschen dazu, Übergänge und Lebenskrisen zu gestalten und  zu bewältigen. Auf dem spirituellen Weg sind sie jedoch auch Gelegenheiten zur tagtäglichen Praxis und zur Transformation. Tantra Rituale, die im Alltag regelmäßig gepflegt werden, können Wunder wirken, indem sie den Weg zur Liebe frei räumen und offen halten.

Der Alltag…

… ist für viele Menschen eine große Herausforderung voller Aktivitäten, Anforderungen, Probleme und Sorgen. Wer fühlt sich nicht von Zeit zu Zeit gehetzt wie ein ohnmächtiger Spielball der Umstände? Dann werden Denken und Handeln unbewusst und automatisch. Viele Menschen sind in ihren inneren Mustern gefangen wie ein Computer: geprägt und programmiert durch die Erfahrungen aus frühester Kindheit und der Lebensgeschichte. Diese Programmierungen steuern die Gedanken, das Reden, sämtliche Handlungen und natürlich auch das Liebesleben. Nur wenige Menschen gehen in der Sexualität bewusst miteinander um. Viele sind nicht wirklich „da“. Manche Frauen klagen: „Mein Partner ist im Sexrausch und ganz in seiner Geilheit gefangen. Er sieht mich gar nicht wirklich“. Ab einem bestimmten Punkt sexueller Lust ist das bei vielen Menschen so. Sie verlieren den Kontakt zum Partner. Tantra Rituale sind Räume von erhöhter Bewusstheit und erotischer Präsenz. Wie Stützräder beim Fahrradfahren sind sie Hilfsmittel, um den Gedankenspiralen über Vergangenheit und Zukunft zu entrinnen. Sie laden ein, in der Gegenwart anzukommen und zu verweilen.

Die Atmosphäre

Tantrische Rituale sind eingebettet in einen feierlichen äußeren Rahmen. Dieser dient dazu, eine Atmosphäre höherer Wachheit zu kreieren. Mehr Präsenz, Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit sind die Geschenke, die gebende und nehmende Personen gleichermaßen im tantrischen Tempel empfangen. Ein Tantra Ritual dient immer der Heilung. Was ist Heilung? Das Eintauchen in die Glückseligkeit des Augenblicks? Erfahrungen jenseits des anstrengenden Alltagsbewusstseins? Eine Welt zu entdecken, zu der Probleme und Sorgen keinen Zutritt haben? Oder sogar Himmelsbrot mit Engeln naschen zu dürfen?

Das Aufschwingen in den Zauber reiner Gegenwärtigkeit bedarf für die meisten Menschen einer festen Entscheidung und Struktur: dem Tantra Ritual. Verbindliche Liebeszeiten, ausreichend Zeit (mindestens zwei bis drei Stunden)  und ein klarer Ablauf sind die notwendigen Bedingungen, um den Fängen der Alltäglichkeit zu entfliehen. Dann d[rfen sich Spiritualität und Sexualität wieder miteinander vermählen. Wo das gelingt, stellt sich das Wunderbare von selbst ein.

"Entrinnen Sie dem Alltag. Tantra Rituale sind Räume von erhöhter Bewusstheit und erotischer Präsenz. Wie Stützräder beim Fahrradfahren sind sie Hilfsmittel, um den Gedankenspiralen über Vergangenheit und Zukunft zu entrinnen. Sie laden ein, in der Gegenwart anzukommen und zu verweilen."

Was ist ein Tantra Tempel?

Die körperliche Liebe ist im Tantra eine heilige Angelegenheit, ein wahrer Gottesdienst. Der Raum, in dem man sich liebt, sagt sehr viel über die Qualität des Liebesspiels aus. Wenn Frau und Mann sich tantrisch begegnen, sollte zuvor das Schlaf- oder Wohnzimmer zu einem Liebestempel verwandelt werden. Während die Tempelatmosphäre gestaltet wird, stimmen sich beide bereits auf die höhere Qualität ihres Liebesspiels ein. Deshalb gehört das Herrichten des Raumes schon zum eigentlichen Ritual. Der äußere Tempel ist nur der Ausdruck des inneren Tempels, der mit ein paar Utensilien sichtbar gemacht wird. Durch Zeit und Muße bei der Erschaffung einer feierlichen Atmosphäre mit Kerzen, Tüchern, Blumen, Düften und Ritualgegenständen öffnet sich der eigentliche Tempelraum im Inneren des eigenen Körpers. Tritt dann der oder die Liebste ebenfalls in diesen mit Hingabe erschaffenen äußeren Raum ein, wird auch das Innere in Resonanz gehen und mitschwingen.

Die Verwandlung vom Schlafzimmer zum heiligen Raum der Liebe sollte möglichst leicht zu bewerkstelligen sein, sonst scheitert die gute tantrische Absicht an mangelnder Alltagstauglichkeit. Vielleicht beginnet man erst einmal damit, alles aus dem Schlafgemach zu verbannen, was dort sowieso nicht hineingehört: Wäscheständer, Marmeladegläser, Stapel von Büchern, alte und wenig aussagekräftige Bilder an der Wand. Diese Anfangsaktion kostet sowohl ein wenig Zeit als auch die Bereitschaft, Altes loszulassen. Manche  stellen  die Möbel so um, dass ihr tantrisches Liebeslager zu einem Blickfang wird.

Lieblingsmusik, sanfte Klänge, erotische Songs oder romantische Liebeslieder tauchen das tantrische Ritual in Herz öffnende Klangwelten ein. Eine entsprechende Musikanlage sollte deshalb fest im Raum der Liebe integriert sein. 

Ansonsten braucht man Teelichter und Streichhölzer, eine Duftlampe mit zwei bis drei Duftessenzen (möglichst natürliche Aromen, sehr sinnlich zum Bsp. Yasminöl, echtes Rosenöl erhältlich in Apotheken oder speziellen Aromageschäften), schöne Tücher, Massageöl, Gleitgel, Papiertücher usw. Eine schnelle Möglichkeit, ein Schlafgemach zauberhaft zu verwandeln bietet eine dauerhaft drapierte Lichterkette, bei der man nur den Stecker in die Steckdose stecken muss, um eine schöne Atmosphäre zu erhalten.

Wer es mag, verwendet Räucherstäbchen. Diese verursachen jedoch bei vielen Menschen Hustenreiz, insbesondere wenn Atemübungen in das Ritual integriert sind. Frische Blumen, Figuren, Symbole der Liebe, Zimmerpflanzen, ein Teller mit frischem Obst, Gläser mit leckerem Saft oder frischem Wasser können dazu kommen, wenn die Zeit es erlaubt. Falls vorhanden liegen zwei Sitzkissen für die gemeinsame Meditation auf einem Teppich. Bei Rückenproblemen kann man während der Meditation auch auf Stühlen einander gegenüber sitzen, und zwar aufrecht, ohne sich anzulehnen.

Ab und zu darf der Tempel dann natürlich ganz besonders zauberhaft gestaltet werden. Besonders die Kreativen dürfen sich dabei regelrecht verkünsteln. Wer mehr Zeit hat, kann dann den anderen überraschen und zum Staunen bringen. Schon das Betreten des Tempels sollte Andacht und Ehrfurcht erzeugen, das Herz berühren und die tieferen Ebenen der körperlichen Liebe erw ecken. Wer sich gelegentlich solch´ eine Hohezeit der Liebe gönnt, kann lange davon zehren.  So ein Gourmettreffen der Liebenden  in derganz besonderen Atmosphäre eines Tantratempels lädt ein, jeden Gang des köstlichen Menüs mit viel Zeit zu genießen.

Was hat ein Tantra Ritual mit Religion zu tun?

Menschen sind sich gegenseitig Unterstützung, wenn sie Anteil aneinander nehmen. Aber es gibt auch tief im Inneren eines Menschen eine starke unterstützende Kraft. Diese Kraft ist formlos. Sie ist erfahrbar jenseits des Gedankenlärmes. Manche nennen sie Liebe oder Sein. Manche nennen sie Gott oder Heilkraft. Aber die Benennung ist bereits eine Einengung. In den verschiedenen Religionen dieser Welt versuchen Menschen, sich mit Hilfe von Gebeten an diese innere Quelle anzuschließen. Man braucht aber keine Religion, keine spezielle Form, dafür. Tantra selbst ist keine Religion, aber es lädt die spirituelle Dimension ein. Es vereint die irdische Dimension mit der himmlischen: die Sexualität mit der Spiritualität. Ein Tantra Ritual beginnt deshalb mit einem inneren Gebet. Dabei werden die unterstützenden Kräfte im eigenen tiefen Wesenskern eingeladen.

Es ist wichtig, dass jeder Mensch die zu ihm passende Form wählt. Wer religiös ist, kann bei einem Tantra Ritual Propheten, Heilige, Engel einladen. Wer eine ganz konkrete Religion ausübt, kann seine eigene religiöse Form verwenden. Wer keine Religion hat, lädt Eigenschaften ein, die für ihn Wesentliches ausdrücken, zum Beispiel Heilung, Freude, Liebe, Achtsamkeit, Respekt. All das sind Hilfen, sich mit der Quelle, die formlos ist, zu verbinden. Sie sind Übersetzungshilfen für etwas, das nicht übersetzt werden kann. Jeder sollte die Einstimmung wählen, die seinem Wesen entspricht. Die Einladung der heilenden Kräfte  kann in Stille geschehen. Die Ritualpartner können jedoch die Einladungen auch laut aussprechen. Das verstärkt ihre Wirkung und intensiviert die Begegnung. Das „Allerheiligste“ miteinander zu teilen, kann zum Intimsten zwischen zwei Menschen werden. Mit diesem Vorgang der Anbindung an das „Größere“ verlässt man das kleine Ich, die begrenzte Welt des Verstandes, und öffnet sich für das Wunderbare. Im Fokus ist stets das Wohl aller, die am Tantra Ritual teilnehmen.

 

"All das sind Hilfen, sich mit der Quelle, die formlos ist, zu verbinden. Sie sind Übersetzungshilfen für etwas, das nicht übersetzt werden kann. Jeder sollte die Einstimmung wählen, die seinem Wesen entspricht."

Muss man die Form des Tantra Rituals einhalten? Soll ein Tantra Ritual geplant sein?

Der äußere Rahmen und die Einstimmung geben einem Tantra Ritual Form und Struktur. Ein Tantra Ritual sollte von einem der Ritualpartner genau geplant werden, sonst hat das Ego zu viele Gelegenheiten, auf Abwege (wie zum Beispiel Diskussion und Streit) zu locken. Nur wenn vorher genau festgelegt ist, was innerhalb des tantrischen Rahmens geschehen soll, kann gut durch das Tantra Ritual geleitet werden. Es empfiehlt sich, dass derjenige das Ritual führt, der auch die Vorbereitung gemacht hat. Das kann abwechselnd geschehen. Die äußere Form und die Planung sind die Stützräder, die ein Heraustreten aus dem Alltagsbewusstein ermöglichen.

 Dennoch sollte innerhalb des Tantra Rituals auch genügend Zeit für Ungeplantes vorgesehen sein.. Die Entscheidung für ein Tantra Ritual ist eine Verpflichtung, gemeinsam in einen achtsameren Raum miteinander zu reisen. Der Mensch kann sich mehr und tiefer öffnen als im Alltag. Dadurch ist er auch weicher und verletzlicher. Je klarer die äußere Struktur des Tantra Rituals eingehalten wird, desto mehr kann diese Öffnung geschehen und die Liebe kann sich ausdrücken. Nach einem Tantra Ritual sind Zeiten der Stille und des Schweigens sehr angebracht. Manchmal entstehen sie ganz von selbst. Dann werden innere Vorgänge und äußeres Tun viel achtsamer und bewusster.

Wie häufig sollten Tantra Rituale durchgeführt werden?

Es ist schön, den Alltag gelegentlich durch ein Tantra Ritual zu bereichern und zu verzaubern. Vom Zeitaufwand und sonstigen Einsatz her werden Tantra Rituale für die meisten Menschen nicht häufig durchführbar sein. Der Vergleich mit einem Feinschmeckerlokal greift auch hier: Man geht nur gelegentlich hinein und genießt dann jedes Häppchen. Solche Hoch-Zeiten tun der Liebe gut und bereiten alle Beteiligten auf immer mehr Bewusstheit, auch im Alltag, vor. Selbst wenn nur einmal im Monat Ritualzeit ist, gewinnt die Liebe der Ritualpartner Terrain, anstatt von einem übervollen Alltag verzehrt zu werden. In einer festen Partnerschaft ist ein wöchentlicher fester Partnerschaftsabend zu empfehlen, wenn möglich als Tantra Ritual,.

Kann es bei einem Tantra Ritual zu Auseinandersetzungen kommen?

Ja, das kann es. Meistens kommt es bei Ritual unerfahrenen Menschen vor einem Tantra Ritual zu heftigen Auseinandersetzungen, so dass sie das geplante Ritual erst gar nicht durchführen. Die Widerstände gegen mehr Bewusstheit und Liebe scheinen zumindest in der Anfangsphase recht deutlich zutage zu treten. Viele Paare müssen durch eine Phase der Abwehr hindurch gehen, um sich mehr Liebe miteinander gönnen zu können. Manche Menschen erleichtern sich diese Anfangsschwierigkeiten, indem sie in Tantraseminaren die neuen Räume miteinander erkunden und unter Anleitung lernen. Dann ist die Übertragung in den Alltag nicht so schwer. Das Tantra Ritual ist manchmal himmlisch schön und manchmal nicht. Wenn man um Heilung gebeten hat, passiert Heilung. Doch die Form, die Heilung – annimmt, kann ganz unterschiedlich aussehen. Heilung ist nicht immer nur das Schweben im siebten Himmel.

Wie durch ein Vergrößerungsglas wird im Raum größerer Bewusstheit auch klar, was die Beziehung stört. Man sollte niemals das Tantra Ritual in so einem Fall abbrechen. Manchmal kommt eine lästige Beziehungsstruktur so klar heraus, dass man sie erkennen, anschauen und vielleicht überwinden kann. Manchmal fließen Tränen, weil sie endlich einmal fließen müssen. Manchmal ist Stille da und gar nichts Äußeres, so dass man denkt, es wäre gar nichts passiert. Am besten ist es, sich kein eigenes Bild zu machen, wie Heilung sein soll, weil man es mit dem kleinen Verstand gar nicht wissen kann. Falls man sich in einem Tantra Ritual miteinander verstrickt hat, wird es einfach genau nach Vorschrift beendet. Danach geht jeder in seine Welt. Es empfiehlt sich, sich erst zu einem anderen Zeitpunkt darüber auszutauschen. So hat jeder Zeit, mit dem, was für ihn passiert ist, erst einmal schwanger zu gehen und eigene Erkenntnisse zu gewinnen.

Was ist der Unterschied zwischen Ritualstruktur und Ritualinhalt?

Das Verwandeln der Begegnungsstätte in einen kleinen Tempel, die Einstimmung durch Meditation, Einladen der Kräfte und die Herz-zu-Herzbegrüßung gehören ebenso zu der Struktur, wie der offene Austausch im Gespräch am Ende, das Bedanken bei den Kräften und der Abschied in einer Herz-zu-Herzverbeugung. Dazwischen liegt der jeweils vorgesehene Ritualinhalt. Dieser sollte stets eine körperliche Begegnung beinhalten, zum Beispiel eine Ganzkörpermassage, eine Yoni- oder Lingammassage oder jede beliebige intuitive Massage. Tanz, Bewegungsmeditationen oder ein Zwiegespräch,

Körpermalen, Wunschrituale, Vereinigungsrituale, Selbstliebe miteinander, reinigende Atemübungen, kreatives Gestalten usw. sind einige der unzähligen Möglichkeiten, wie der Ritualinhalt gestaltet werden kann.

Die Entscheidung für die Stützräder auf dem Weg zu mehr Bewusstheit und Liebe ist notwendige Voraussetzung für das Gelingen von Tantra Ritualen im Alltag. Widerstände machen sich ungebeten breit und säumen den Weg. Wer sich dennoch immer wieder verbindet – mit dem Partner und dem hilfreich Unsichtbaren, der kann letztendlich immer öfter und leichter das Gefühl von Trennung überwinden und manchmal sogar in Einheits- und Glückseligkeitswellen baden.

Ein Artikel von Regina Heckert, erschienen im Connection-Magazin

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