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Das Maithuna-Ritual
Warum es bei BeFree Tantra nicht gelehrt wird

Das Maithuna-Ritual

 

Dieser Artikel erschien im Tantranetz. Das Tantranetz unterstützt die Information, den Austausch und die Vernetzung aller Interessierten rund um die Themen Liebe, Erotik, Sexualität, Partnerschaft, undogmatische Spiritualität und Tantra. In dem Artikel "Warum das Maithuna-Ritual nicht bei BeFree Tantra gelehrt wird" begründet Regina Heckert ausführlich eben genau diese Frage. Auf Grund des "Zaubers", den dieses Ritual entfalten kann, wirkt dies erstmal sonderbar…

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Was ist das Maithuna-Ritual?

Maithuna ist das Ritual der großen Vereinigung. Es wird in der tantrischen Tradition entweder von einem einzelnen Paar vollzogen, als Paar in einer Gruppe oder als Gruppenereignis mit Partnerwechsel. Dabei ist die sexuelle Vereinigung der äußerliche Vollzug dessen, was sich innerlich durch langwährende Prozesse und Meditation vorbereitet hat. Letztendlich soll die äußere Vereinigung der Körper das innere Überwinden der Dualität in einer göttlichen Einheitserfahrung ermöglichen. Insofern ist das Ritual hochentwickelten Seelen vorbehalten, die sich von irdischen Anhaftungen, Launen, Emotionen, Instinkten befreit haben.

Es bedarf enormer Vorbereitung…

Ein Zustand überirdischer Harmonie und Kraft stellt sich für die meisten Menschen nicht ohne gründliche, manchmal Jahrzehnte lange Vorbereitung (Sadhana) ein. Körperliche, seelische und geistige Blockaden müssen erkannt und aufgelöst werden, um in den Zustand des reinen Herzens und der absichtslosen Präsenz einzugehen. Dazu muss ein Adept (*1) den langen und  intensiven Weg der Selbsterkenntnis beschreiten. Die Kontrolle über den Geist bzw. die Gedanken durch regelmäßige Meditation, die Schulung des Atems und der Körperwahrnehmung,

sowie das Kanalisieren und Lenken der sexuellen Energie sind notwendige Erfordernisse. Deshalb wird Maithuna manchmal als ungewöhnliches Ritual bezeichnet, das nur für halbgottgleiche, fortgeschrittene Praktizierende gedacht ist. Wer nicht gelernt hat, über den Schleier des Irdischen hinauszuschauen, um in seiner Partnerin Shakti, in seinem Partner Shiva zu sehen, also ein Vira (*2) geworden ist, kann das Ritual der Vereinigung dieser beiden reinen Urkräfte niemals vollziehen. Auch wenn man es so extrem nicht betrachtet, ist doch klar, dass niemals sexuelles Spektakel Motivation für das Maithuna Ritual sein kann.

„Alles, was mit Ego verknüpft ist, mit Begierde und Besitz, hat als Erfahrung nichts mit Tantrismus zu tun.“ (*3)

„Wenn Shiva in Shakti eindringt, dann ist dies ein vollkommener Akt, ein heiliger Akt. Er braucht die dreifache Beherrschung – die des Atems, des Geistes und des Sperma.“

(sinngemäß *3)

Daniel Odier…

… hat eine Einweihung durch eine wahrhafte tantrische Meisterin im Himalaya erlebt, die im Maithuna Ritual gipfelte. Dazu war nicht nur eine mehrmonatige Vorbereitung mit heftigen inneren Prüfungen nötig, um die Schattenwelt zu meistern und die für das Ritual notwendige Haltung zu entwickeln. Jahrzehnte der inneren Suche, der Meditation und spirituellen Praxis haben für Daniel Odier diese Begegnung mit der tantrischen Meisterin Devi überhaupt erst möglich gemacht. Sonst hätte sie ihn wohl nie als Schüler angenommen. Wenn wir uns nur vorstellen, dass völlige Präsenz und Gedankenleere über Stunden hinweg erforderlich sind, so werden wir – was das Maithuna Ritual betrifft – respektvoll und demütig.

Ashley Thirleby…

… hat in zwei Büchern ebenfalls einen Weg zum Maithuna Ritual aufgezeigt: Zuerst muss der Adept viele Übungen alleine meistern, um die Geisteskräfte, die Wahrnehmung und die Kontrolle der sexuellen Kraft zu üben. Erst dann ist er in der Lage,  mit einer/m genauso vorbereiteten Partner/in die sieben tantrischen Nächte zu praktizieren. ( *4) Sind die höheren tantrischen Paarrituale gemeistert, ist erst die Befähigung für das Maithuna Gruppenritual erlangt:

 

„Am Anfang war Einer.

Dann waren Zwei.

Und die Zwei waren viele.

Und die vielen wurden zum Einen.“
(aus *5, S.12)

Maithuna kann zur inneren Verwirklichung führen

Aber auch zum Verhängnis, wenn es von Unvorbereiteten missbraucht wird. Ohne spirituelles Ziel wird es gefährlich und selbstzerstörerisch. Unsere heutigen Tantraseminare dauern in der Regel ein paar Tage. Wer ein Jahrestraining besucht, geht einen längeren tantrischen Weg. Dieser reicht in der Regel aus, um festgefahrene Strukturen und Muster im Bereich Liebe, Sexualität und Partnerschaft aufzubrechen und zu einem freieren L(i)eben zu führen. Die für Maithuna nötigen Grundlagen jedoch können auf diese Weise nicht erlangt werden. Sie benötigen eine intensive tägliche spirituelle Praxis.

 

Wird diese langjährige innere Vorbereitungsarbeit nicht geleistet, verkommt Maithuna zu einer Art besseren Swingerclubs. Anstatt beseligende innere Erfahrungen zu machen, können Verletzungen, großer seelischer Schaden, Angst und Schrecken entstehen. Genau aus dem Grund gab es in der Tantratradition fachkundige Meister/innen, die genau den Reifegrad eines tantrischen Schülers einschätzen und die möglichen Stufen der Einweihung festlegen konnten.

"Kleine tantrische Brötchen backen"

Ich selbst habe in Seminaren schon einige Frauen auffangen müssen, die irgendwo angebliche Maithuna Rituale mitgemacht und viele Jahre danach noch nicht verarbeitet hatten. Die Anweisung, sich mit beliebigen Männern in einer Gruppe zu vereinigen, hat bei weitem alles überstiegen, was für ihre Entwicklung sinnvoll und möglich war. Statt einem Hauch von Erleuchtung sind Abscheu und Ekel in ihre entsetzte Erinnerung eingraviert.

Immer noch bin ich eine, die sich dafür einsetzt, kleine tantrische Brötchen zu backen und Schritt für Schritt miteinander die tantrische Achtsamkeit zu entfalten.

Es gibt viel wegzuräumen an Ängsten, Verletzungen, Sehnsüchten und Kümmernissen auf dem Weg zu innerer Freiheit und ehrlicher Liebesfähigkeit. Tiefe und anrührende tantrische Erfahrungen säumen wie Gnadengeschenke den manchmal nicht leichten Weg, der in immer mehr Tiefe und hin zu einem authentischen und wachen Leben führt.

Letztendlich braucht der tantrische Pfad nicht das sexuelle Vereinigungsritual, besonders nicht, wenn es von Unwissenden praktiziert und verunglimpft wird. Auch im stillen Kämmerlein, beim Betrachten einer Blume oder in einem Blick von Herz zu Herz kann das All-Eine aufblitzen. Zudem vertrete ich die Meinung, dass für die meisten von uns inmitten in der Irrungen und Wirrungen der irdischen Schicksale Erleichterung statt Erleuchtung schon mehr als genug ist. Und dazu trage ich weiterhin sehr gerne bei.

Verweise

(*1) Adept (von lateinisch adeptio „Erlangung, Erwerbung“ bzw. adeptus „einer, der etwas erlangt hat“) ist die Bezeichnung für eine Person oder einen Schüler, der in eine Geheimlehre, Geheimwissenschaft oder in Mysterien eingeweiht ist.

(*2) ein Vira ist ein tantrischer Schüler, der seine Leidenschaften (Hass, Furcht, Zweifel, Scham, Gier, üble Nachrede, Arroganz etc.) gemeistert hat und sich über das Menschliche (die Dualität) erheben kann.

(*3) aus Daniel Odier, Tantra – Eintauchen in die absolute Liebe S. 141

(*4) Ashley Thirleby, Das Tantra der Liebe

(*5) Ashley Thirleby, Tantra-Reigen der vollkommenen Lust

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