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Wer heilt hier wen?
Ein Artikel von Regina Heckert

Wer heilt hier wen?
BeFree Tantra: Wer heilt hier wen?

Dieser Artikel erschien im Connection-Magazin. Das Connection-Magazin - unter Regie von Sugata Wolf Schneider - widmete sich über 30 Jahre lang tantrischen Themen. Dabei war Regina Heckert viele Jahre Autorin bei Connection und veröffentlichte regelmäßig  Artikel rund um die Themen Tantra, Meditation und Spiritualität.

In ihrem Artikel "Wer heilt hier wen" erinnert sich Regina Heckert zurück: Als junge Frau träumte sie stets davon, Männer in die Welt der Liebe einzuweihen und diese bestenfalls auch von andereweitigen Beschwerden zu heilen. Einmal begonnen, nahm die Umsetzung dieser Pläne allerdings einen vollkommen anderen Verlauf…

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"Das schönste Märchen ihres Lebens"

Die Vision der Tantralehrerin Regina Heckert, junge Männer nicht nur in Lust und Liebe einzuweihen, sondern auch noch von sexuellen Mangelerscheinungen wie Hautausschlägen und Migräne zu befreien, wurde wahr. Es gab da jemanden in ihrem Bekanntenkreis. Ihr gutes Werk heilte jedoch am meisten sie selbst. Sie erzählt hier das schönste Märchen ihres Lebens, in dem ihre Vision zum Erfüllungsgehilfen eines wohlmeinenden Schicksals wird.

Das Märchen beginnt in Ungewissheit

Er kommt tatsächlich. Fast hüpft mir das Herz aus dem Hals. Jede Stufe, die er nimmt, lässt meinen Atem noch mehr beben. Immerhin erklimmt er vier Stockwerke. Für mich eine bange Ewigkeit. Was habe ich mir da nur angetan? Kann ich das überhaupt? Was, wenn ich großen Schaden anrichte? Seit Jahren verfolgt mich diese prickelnde Vision: Liebeslehrerin sein, junge Männer in Lust und Liebe einweihen, sie auf das größte und schönste Spiel auf Erden vorbereiten. Ich habe keine Ahnung wie das gehen soll. Und wenn es schief läuft?

 

Er hat noch nie Sex mit einer Frau gehabt. Seine Schritte kommen näher. Jemandem die Unschuld nehmen und etwas Heiliges zerstören – das kann so leicht passieren. Missbrauchte Frauen tauchen auf und zeigen sich mir als mahnende Fratzen, während sich inzwischen mein Herzschlag an seine rasenden Schritte angepasst zu haben scheint. Wie entjungfere ich einen Mann? O Gott, ich weiß es nicht.

Eine unerwartete Eingebung

Es war an einem einsamen mexikanischen Strand. Dort habe ich mehrere Wochen lang täglich fünf Stunden meditiert. „Wenn ich nach Hause komme, und M. noch keine Freundin gefunden hat, dann weihe ich ihn in Lust und Liebe ein, und helfe ihm, eine zu finden!“  Eine ganz stimmige Eingebung. Klar, kraftvoll, völlig rein und absichtslos.

Doch jetzt bekomme ich Atemnot. Das ganze Wochenende über habe ich gehofft, dass er den Termin absagt, damit ich noch einmal ungeschoren meiner eigenen Vision entrinnen kann. Seit vielen Jahren kenne ich ihn. Fast habe ich ihn aufwachsen sehen. Er ist ein wunderschöner junger Mann. Etwas schüchtern.

Hilfsbereit hat er mir seit Jahren bei jedem meiner Umzüge geholfen,  Küchen eingebaut, Kisten geschleppt, Lampen angeschlossen, manchmal Tag für Tag. Selten hat er viel gesprochen. Doch vor meinem Abflug zu einer mehrmonatigen Reise hat er sein bekümmertes Herz ausgeschüttet: wie sehr er darunter leide, mit seinen fünfundzwanzig Jahren immer noch allein zu sein „So kann es nicht weitergehen!“ Sein Schmerz und seine Einsamkeit berührten den ganzen Raum. Er zeigte mir die brennenden Hautausschläge, durch die seine Seele und sein Körper nach Erlösung riefen. Heftige Kopfschmerzattacken und Allergien, und was weiß ich noch alles. Auch wenn ich großen Anteil nahm, so rutschten da und dort meine Augen hin zu seinen zerrissenen Jeans, die das Loch am rechten Fleck zu haben schienen.

"In meiner Erinnerung sind es mindestens 5 Meter, die er zur Seite gesprungen ist"

Dieses Mal habe ich kein Geld, um ihn für seine Umzugsdienste zu entlohnen. Nach meinem Ausstieg aus dem sicheren Beamtenjob und der langen spirituellen Reise weist mein Konto nur blutrote Zahlen auf. Kein festes Einkommen mehr, um die mürrischen Bänker zu vertrösten.

Natürlich habe ich ihm  beim jetzigen Umzug von meiner finanziellen Lage berichtet. Und schließlich in einem mutigen Moment meinen Vorschlag unterbreitet, ihm als Ausgleich für seinen Einsatz ein paar tantrische Einzelsitzungen zu schenken, um ihn in Lust und Liebe einzuweihen und ihm zu helfen, eine Freundin zu finden. 

In meiner Erinnerung sind es mindestens fünf Meter, die er vor Schreck zur Seite gesprungen ist, während er gerade dabei war, die Spüle in der Küche zu montieren. Hammer und Schraubenzieher fielen zu Boden. Sein Schock schwappte bis zu mir herüber. Ich atmete tief durch. „War nur ein Vorschlag“, achselzuckend zog ich mich zurück, damit er sich und meine Küche wieder zusammensetzen konnte. Tage später saß ich bei seiner Familie am runden Kaffeetisch. Noch heute wundere ich mich darüber, wie ungeniert ich meinen Einweihungsvorschlag damals vor seinen Familienmitgliedern ausbreitete. Alle redeten auf ihn ein und schienen ihm Mut machen zu wollen. Er stand auf und ging. Ich zuckte wieder mit den Achseln.

Eine zu verwunderliche Eingebung?

Komisch, niemand hat an mir gezweifelt. Nur ich fing allmählich an, meine Eingebung in Frage zu stellen. Zweimal eine ganz klare Zurückweisung. Na ja, vielleicht war es ja gar keine echte Eingebung? Schließlich hatte ich mir unter dem Deckmantel der beruflichen Notwendigkeit als Tantralehrerin schon so manches eingeheimst, bei dem die moralische Sicherung einer ganz normalen Frau sofort herausgeflogen wäre. Vorsorglich prüfte ich mich auf Herz und Nieren. Da gab es nicht die geringste persönliche Absicht. Zudem stand ich sowieso nicht auf junge Männer. Sie befanden sich weit ausserhalb des Kreises meines Begehrens. In vielen Meditationen lauschte ich weiter nach innen, um den rechten Weg zu erspüren.

Schließlich  fragte ich ihn am Donnerstag, als er mich nach Hause fuhr, zum dritten und definitiv zum allerletzten Mal: „Kommst Du am Montag um sieben Uhr abends?“ Sein klares „Ja“ versetzte mir einen ungeahnten Schreck. Etwas zu hastig stieg ich aus dem Auto aus. „Dann bis Montag!“, und rannte mit Siebenmeilen-Stiefeln die Treppe hoch.

Jetzt höre ich seinen viel zu schnellen Atem. In wenigen Sekunden ist es so weit. Wir überqueren einen Schicksalsgipfel ohne Wiederkehr. Sachte klopft er an meine leicht angelehnte Tür. Genauso sachte öffne ich. Viel zu kurz treffen sich unsere Blicke. Er senkt den Kopf und weicht meinen zur Begrüßung geöffneten Armen gekonnt, ja fast unauffällig aus.

Ich erwarte einen schweren Job…

Berührung kann er nicht aushalten. Er bekommt sofort starke Hautausschläge. Sein ganzer Körper beginnt dann zu jucken und zu brennen. Doch ich bin gewappnet. Natürlich werde ich all mein Wissen und Können aufbieten, um ihm den Weg aus der Hölle der Einsamkeit zu weisen, und seinem Schicksal, wenn es denn gnädig sein sollte, ein Schnippchen zu schlagen. Mein riesiges Wohnzimmer mit loderndem Feuer habe ich in einen wahren Palast verzaubert: Kerzen, Düfte, Meere von Blumen und Tüchern und ein traumhaftes Lager vor dem Kamin. Alles funkelt vor Bereitschaft.

Stufe um Stufe…

… ist er zu mir nach oben gekommen. Stufe um Stufe werde ich ihn tief hinein in das ersehnte Liebesland führen:

jede Perle am Wegesrand, jeden zwitschernden Liebesvogel, jede summende verlockende Sirene, jede wollüstig sich räkelnde Katze, jeden heimlichen Seelenhauch, das weite Meer, den unendlichen Raum, die zartesten Liebeshimmel und ein paar bedachte Schritte in die Funken der Höllenlust – alles, alles wird er kosten, schmecken, riechen, ertasten und am Ende auch sehen…

Eine unscheinbare Rettung

Er hängt seine Jacke an die Garderobe und zieht seine Schuhe aus. Ich nehme jede kleine Regung wahr. Pocht da sein Herz oder meines, oder spielen sie gemeinsam schon ein unhörbares neues Lied? „Gerne würde ich dir für einen Großteil des Abends die Augen verbinden. Ist das in Ordnung?“ Später habe ich erfahren, die Augenbinde sei seine Rettung gewesen.

Einmaligkeit 

Behutsam führe ich ihn in den geweihtenTempel. Kerzen und Kamin flackern um die Wette. Totale Unschuld, sie ist einmalig. Nie wieder lassen sich solche Augenblicke wiederholen. Deshalb muss man alle ihre Sekundenbruchteile genießen und sie in die Ewigkeit hinein ausweiten. Lange sitzen wir auf Meditationskissen, bestimmt eine halbe Stunde. Schweigen, Atemzüge, Staunen, Ungeduld, Angst, Stille, Vorfreude und totale Ahnungslosigkeit dehnen sich innen und außen aus und erfüllen die weit geöffneten Schenkel einer unbekannten Himmelspforte.

Und dann?

Er entdeckt, schnuppert, erahnt die pralle Welt der Sinne. Sein gestautes Verlangen entflammt Leib und Seele. Zarte prickelnde Wellen lassen seinen Körper erschauern. Er versinkt in feine Düfte, taucht auf, spielt ach so zart mit den erlesenen Früchten, mit denen ich seine vollen Lippen necke. Woher weiß er nur um dieses Spiel?

So oft schon habe ich es gespielt und stets probiert, das wilde Pferd der Lust zu lenken. Nie gelang die Vollendung dieses schönen, ganz absichtslosen Tanzes. An irgend einem Punkt kippte die Hingabe. Gier brach sich Bahn, eroberte den Liebesthron und verleibte sich grinsend alles ein.

Aber jetzt? Wundersames Tor der Seligkeit, du hast dich geöffnet. Hier geht es um nichts, um gar nichts, und doch um alles! Reines Verweilen, lustvolles Miteinander. Hatte ich mir Schwerstarbeit erwartet? Ich fasse es nicht: Absolute Hingabe, Heiligkeit, Schönheit Himmelsbrot - engelsgleich, rein, ja heilig. Alles, was ich mir je an Hingabe mit einem Mann erträumt habe, wird vor meinen unfassbaren Augen wahr.

Zeit gibt es nicht mehr. Nicht mal eine einzige Sekunde. Wir fließen und strömen mitten hinein in den Strudel eines unbekannten Zaubers. Alles in und um uns tanzt einen bunten, üppigen und doch einzigartig zarten Reigen. Allmählich erkunden meine wissenden Finger alle Ebenen und Täler seiner Haut. Auch diese antwortet in sanftem Geheimnis und verschilzt mit meinen liebenden Händen zu einem Kunstwerk. Darf ich seinen Lingam auch berühren? Schon gleich beim ersten Mal? Weib, zähme Dich. Das wonnigliche Himmelsspiel verscheucht Gedankenfetzen schneller als sie auftauchen. Wir schweben noch tiefer mitten hinein in die dürstenden Fangarme unendlicher Liebeslust. Nein, wir ertrinken nicht. Wie könnten wir auch? Geborgen in höchster Göttlichkeit leeren wir miteinander den prall gefüllten Kelch. Erst spät in der Nacht landen wir sachte auf dem Boden der Erde. Im Kamin knistert süße Liebesglut.

Wer heilt hier wen?

Als er gegangen ist, sitze ich noch lange und starre fassungslos hinein. Was war das? Wer heilt da wen? Wie geschieht mir? Wo ich doch ein gutes Werk für IHN tun wollte?

Ich staune…

… eine ganze Woche lang. Bis zum nächsten Treffen. Jetzt kommt er einmal die Woche zum Liebesabend. Die erste Hälfte des Abends besteht aus knallhartem Training. Heraus aus der lähmenden Komfortzone des Leidens, heißt es immer wieder. Er übt, wie man im Café Frauen anspricht. „Warum bin ich nur hierher gekommen?“, verzweifelt er, bis er nach Klappe 17 das Rollenspiel endlich mit Bravur meistert. Er, der größte Zuhörer der Welt, lernt zu reden. Über sich, sein Erleben, über egal was. Zuerst nur fünf Minuten und dann eine halbe Stunde. Ich weiß nicht, wieviele Tode er stirbt. Diese Liebeslektionen sind nichts für Angsthasen. Doch nach der Pflicht kommt im zweiten Teil des Abends stets die Kür: Von oben bis unten, von unten bis oben, von rechts nach links, von innen nach außen und jenseits von Raum und Zeit lernt er, welche Berührungen, welches Liebesgeflüster die Frauenlust erweckt. Ich atme weiterhin tief durch. Nach jeder absolvierten kleinen Lustübung. Noch niemals hat mich eine Männerhand so angefasst. Mein tiefer Atem hält mich bei meinem selbstlosen Auftrag. Oder bin ich es, die versucht, sich an ihrem eigenen Atem festzuklammern? Doch ich versage nicht! Ich bleibe Liebeslehrerin. So vergehen sprießende Frühlingswochen. Zuhause macht mein Meisterschüler fleißig  Hausaufgaben: er spricht Frauen an, geht aus, verführt zu dieser und jener Massage. Er blüht so auf, dass seine rasante Wandlung Freunde und Verwandte entzückt. Schließlich naht der Tag der Entjungferung. „Bist du bereit?“ frage ich.

 „Von mir aus gerne!“ Obwohl ich ihn in allen Liebesdingen bis ins Detail eingeweiht habe, lasse ich hierbei alles offen. Das so kreativ umgesetzte Liebeswissen verschlägt mir sowieso jedesmal die Sprache. „Nicht einmischen!“ rede ich innerlich immer wieder auf mich selber ein. „Nichts tun. Lass einfach geschehen.“ Ich trete zurück und folge nur dem reinen Hauch der Unendlichkeit, der so unverdorben durch ihn strömt.

Das Meisterstück beginnt

Sachte, achtsam, unendlich langsam betritt er meine Seele inmitten des pulsierenden Körpers. Bricht er mir das Herz oder zerbersten nur die dicken Mauern aus Angst und Sehnsucht?  Meere von Tränen rinnen und fließen. Ganz still und leise verweilt er in mir, schaut mir in die grenzenlos weiten Augen, streichelt mein Gesicht, flüstert zart meinen Namen. Frauenwunden aus Jahrtausenden weinen sich aus und schließen sich unter dem Balsam seiner liebender Blicke. Bis zu meinem innersten Kern liebt er sich durch und tut doch nichts, als einfach nur da zu sein. Schließlich fliegen wir miteinander durch hauchfeine, ja allerfeinste Luststürme und –gipfel. Es ist vollbracht. Hat er jetzt seine Unschuld verloren? Oder wurde sie uns beiden eben gerade zurückgebracht? 

Verwunderung bis zum heutigen Tag

Immerhin sind inzwischen siebzehn Jahre vergangen. Ich habe schließlich doch noch versagt und bin dem Bann des menschlichen Begehrens verfallen. „Kein Wunder“, lautet das Geständnis der gefallenen Liebeslehrerin. Nach Abschluß der Einweihung hat M. um ein Aufbaustudium gebeten. Dabei ist mir meine offizielle Lehrfunktion irgendwie abhanden gekommen. Nicht aber das Liebesmärchen. Es spielte unzählige weitere Folgen. „Beim ersten Liebesschüler versagst Du schon“, kommentierte kopfschüttelnd meine Freundin. Insgesamt zappelte ich drei Jahre lang, um aus dem so wonniglich gesponnenen Netz wieder herauszukommen. Es gab Trennungen, beidseitig neue Partner,

und tausend Wiedervereinigungen. So lange, bis ich endlich für möglich hielt, dass wir tatsächlich füreinander bestimmt sein könnten. Seit Jahren sind wir glücklich verheiratet. Selbst nach so langer Zeit blitzt mitten im Alltag immer mal wieder der alte Zauber auf. Vielleicht dauert dieses Märchenglück bis ans Lebensende. Wer weiß das schon? Immer noch wage ich kaum, es für möglich zu halten. Jedenfalls war und ist mein Mann der beste Liebeslehrer für mich und dadurch indirekt auch für all die vielen Frauenherzen, die in meinen Seminaren höher schlagen. Die Vision, junge Männer in Lust und Liebe einzuweihen, ist erstaunlicherweise nie mehr aufgetaucht. Sie scheint sich erledigt zu haben. Und erledigt haben sich seit der allerersten Liebesstunde auch Hautausschläge und Migräneattacken.

Ein Artikel von Regina Heckert, erschienen 2012 im Connection-Magazin

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