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Das Korsett loslassen, aber wie?
Ein Artikel von Regina Heckert

Dieser Artikel erschien im Connection-Magazin. Das Connection-Magazin - unter Regie von Sugata Wolf Schneider - widmete sich über 30 Jahre lang tantrischen Themen. Dabei war Regina Heckert viele Jahre Autorin bei Connection und veröffentlichte regelmäßig  Artikel rund um die Themen Tantra, Meditation und Spiritualität.

In ihrem Artikel "Das Korsett loslassen, aber wie" fragt sich Regina Heckert: Wie groß ist die Spaltung zwischen göttlicher und irdischer Frau wirklich? Was unterscheidet diese Göttin überhaupt von der typischen, irdischen Frau? Und wie erweckt letztere ihre Göttlichkeit?

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Ach ja, die Göttin

Sie ist wunderschön, bezaubernd, frei und unabhängig, schöpferisch, begehrt und verehrt, sinnlich und lustvoll. Authentisch regiert sie ihren Tempel, den sie in und auswendig kennt. Sie allein setzt Maßstäbe und Regeln fest, die eingehalten werden müssen, will Man(n) ihr nahe kommen. Aus der Schar ihrer Verehrer wählt sie aus und ist dabei nicht unbedingt bescheiden. Ehrfurcht um sie herum macht sich ganz von selbst breit, und natürlich Heiligkeit, die durchaus auch ihren heiligen Zorn beinhalten darf. Sie lebt und wirkt verbunden mit der innigsten und innersten Wahrheit, der sie kompromisslos folgt.

Göttin? Ja, aber bitte irdisch erfahrbar

Und wo bitte schön ist sie zu finden, wenn nicht in Märchen und Mythen? Wenn es wahr ist, dass es nichts außen gibt, was nicht auch in unserem Inneren existiert, dann müsste sie – wenn auch vielleicht verborgen – in jeder Frau schlummern. In der Tat verehren wir diese weibliche Urkraft als Shakti in tantrischen Ritualen. Im Frauenkreis schließen wir uns bewusst an diese schöpferische Quelle der Weiblichkeit an, um ihr Erwachen in der individuellen Frau zu fördern und in der Welt sichtbar werden zu lassen. Doch was bedeutet das ganz konkret? Was unterscheidet eine Göttin von einer ganz irdisch erfahrbaren Frau?

Ein guter Freund von mir ist der leidenschaftlichste Verehrer von Mozarts Zauberflöte. Kaum eine Vorstellung lässt er aus. Und immer wieder verliebt er sich in Pamina – sei es in der Oper oder auch im ganz normalen Leben. Pamina ist zu seinem Lebenselexier geworden: himmlisch, anmutig, jung, unschuldig. Er begehrt sie, vergöttert sie, sieht sie in jeder jungen Schönheit spurlos an sich vorbeiziehen, denn sie braucht ja den Hauch des Unnahbaren und Unerreichbaren, um wahrhaft göttlich zu sein. Doch wehe, wenn er sich auf eine so göttlich gewähnte, ganz menschliche Pamina einlässt. Da fallen schneller die Schleier der Illusion als es der lebenslänglich gehegte Traum wahrhaben will.

Die Spaltung in Heilige und Hure, Göttin und unvollkommene Menschenfrau durchzieht uns individuell und kollektiv.  So erfährt sich auch die einzelne Frau im Zwiespalt zwischen göttlichem Potenzial und den ganz menschlichen Erfahrungen ihrer realen Liebeswelt:

Vom Tanzen zum Knarzen

„Als ich am letzten Wochenende mit meinen Freundinnen tanzen ging, begegnete mir ein sehr vielversprechender Mann. Er sah gut aus, die Chemie beim Tanzen stimmte, und er war sehr sympathisch.  Ich hatte meinen Spaß und küsste ihn. Eigentlich reichte mir das für den Moment auch schon, aber ich war auch neugierig auf mehr. Wir landeten nach einigen ausgebuchten Hotels endlich in einem sehr kleinen Hotelzimmer, eher jugendherbergsähnlich mit zwei extra schmalen Einzelbetten. Ich ließ mich auf einem nieder und es knarzte schon in diesem kurzen Moment. Der Zauber war verflogen, aber ich konnte doch jetzt nicht einfach gehen, oder? Mir war trotzdem danach. Ich blieb. Er küsste mich. Wir zogen uns aus, aber er zog mich nicht an. Ich fand ihn plötzlich nicht mehr attraktiv. Das Vorspiel war so kurz, dass es in meinen Augen nicht als Vorspiel zu bezeichnen war. Aber vielleicht würde er die Situation noch retten? Falsch gedacht: Er rammelte drauf los. Ich kann es nicht anders bezeichnen. Und mit jedem Mal knarzte das Bett in meinen Ohren noch lauter. Meine Lust war beim Nullpunkt angelangt, wenn nicht noch tiefer.

… und es aufhalten

Das Komische an der Situation: Mir fiel nicht in einer Sekunde ein, dass auch ich an der Situation etwas hätte ändern können. Zum Beispiel einfach meinen Mund aufzumachen, um ihm zu sagen, was mir Spaß machen würde. Normalerweise kann ich das ziemlich gut. Stattdessen lag ich da und hielt es einfach aus. Es ging mir nicht schlecht. Ich war irgendwie gelangweilt und einfach unzufrieden. Ich weiß nicht, was mit mir los war, es sollte einfach so schnell wie möglich vorbei sein. Da war keine Verbindung zwischen uns, nichts. Ich erkannte den Kerl von der Tanzfläche nicht wieder. Er ekelte mich und ich befriedigte ihn trotzdem oral.

Irgendwann kam er. Endlich. Hatte er Spaß? Merkte er, dass ich keinen hatte? Ich weiß es nicht, ich wollte es nicht wissen. Nachdem ich im Bad war, legte ich mich in das andere Bett. Im ersten Moment wollte ich bloß noch schlafen. Im zweiten wollte ich einfach nur weg. Er schien eingeschlafen zu sein, also suchte ich leise meine Sachen zusammen und ging. Ich fühlte mich ziemlich schlecht. Wieso habe ich nichts geändert, nichts gesagt? Ich hätte gleich am Anfang gehen können. Das habe ich mich nicht getraut. Das Erschreckende und Beängstigende ist für mich, dass ich mir selbst nicht treu blieb. Ich nahm mich, meinen Körper und mein Herz nicht ernst. Das soll nie wieder passieren. Aber kann ich den Mut in einer solchen Situation fassen? Hoffentlich.“ (wahrer Erfahrungsbericht)

Die Göttin heult laut auf

Im Frauenkreis haben sich fast fünfzig Frauen über diesen One Night Stand ausgetauscht.  Sie haben die Momente entdeckt, wo die Betroffene der Opferrolle den Garaus hätte machen können, hätte sie auf die Zeichen der Göttin in ihrem Gefühl gehört.  Doch noch schlimmer als der Erfahrungsbericht waren schließlich die einhelligen Kommentare aller Frauen: „Ist der Mann erst einmal im Zimmer, gibt es wirklich keine Chance mehr. Dann heißt es Augen zu und durch!“ Höre ich da die Göttin laut aufheulen?

Die kollektiven und individuellen Konditionierungen und Programme unseres Verstandes sitzen tief. Die Göttin scheint umsponnen zu sein von Ängsten, Minderwertigkeiten, unverdauten Gewalt-Erfahrungen, der Abwertung der geilen Frau als Hure, Flittchen, Nutte, von der Scheu vor der eigenen Lust und ebenso von der so oft besungenen weiblichen Unersättlichkeit, aber auch der Ohnmacht gegenüber Lustlosigkeit, Frigidität, Orgasmus Druck und einer wohl noch aus der Evolution stammenden Rechtmacherei, die den Mann und seinen Schutz durch falsche Hingabe festhalten will, um mit der Kinderbrut überleben zu können. Das Korsett sitzt stramm und fest. In endlosen Gedankenschleifen stärkt und wiederholt es sich ständig und vereinnahmt ununterbrochen das ganze Feld der Aufmerksamkeit. Verstandesmuster aus Tausenden von Jahren können nicht von heute auf morgen aus den gequälten Lustporen geschwitzt werden. Oder etwa doch?

Das Korsett des Verstandes

Der rasende Verstand ist der allgegenwärtige Peiniger im Kopf: Bilder über das Frau- und Mannsein, Ängste, Sorgen, Monologe, Dialoge, Kommentare, Urteile über sich selbst und andere, Beschuldigungen - ach noch tausend  Worte mehr reichen nicht aus, um dieses Ungeheuer zu erfassen, das das Korsett eng zusammen schnürt. Moral, Anstands- und Verhaltensregeln und allerlei unbewusste Sex-Unterdrückungsmechanismen lockern sich auch nicht, indem wir Vorwürfe auf unsere Männer hageln lassen. Schuldzuweisung  ist ein gefährliches Spiel. Es zementiert ja gerade das, wovon man frei werden will: Es stärkt das Denken und seine Funktionen. Mit dem Korsett kämpfen nein, das hilft nicht weiter. Vermutlich zurrt es sich nur fester zu. Mit jeder Diskussion, jedem Analyseversuch kommt der Verstand nämlich durch die Hintertür wieder herein.

Wer weiß schon um seine Macht, den Gedankenstrom anzuhalten? Würde man den Körpern und dem Augenblick trauen, gäbe es kaum ein Problem. Hier hält Tantra eine weite Tür offen. Da wird nicht theoretisiert, denn es ist noch niemandem besser gegangen, weil man ihm erklärt hat, warum es ihm schlecht geht. Tantra schafft einen Erfahrungsraum, denn was an Leib und Seele gespürt wurde, ist echtes Leben und kein Hirngespinst.

Innehalten

Um zu lernen, aus dem Verstand heraus immer wieder in die Freiheit der Gegenwart abzuspringen, braucht es nicht viel: Es reicht die kleine Bereitwilligkeit, mitten in jedwedem Geschehen einfach für eine kleine Weile innezuhalten. Auch im Bett, auch kurz vor „seinem“ Höhepunkt, falls die Göttin es verlangt: wenn zum Beispiel ihr Blick der Liebe und Verbundenheit den Liebsten nicht mehr erreichen kann.

Innehalten - das kann geübt werden. Und darin sehe ich auch die Hauptaufgabe eines tantrischen Weges: den Weg in die Gegenwart zu weisen und zu zeigen, wie man sich dort dauerhaft verankern kann. So wird allmählich das Korsett durchlöchert, bis es ganz abfällt.  Den ganzen Tag über – wenn auch nur für Sekunden – dem Gedankenlärm immer wieder klitzekleine Lücken abtrotzen. In so einer Verstandes-Lücke zu sein bedeutet, für eine Weile nicht mehr zu wissen, wo es lang geht. Viele Menschen fürchten deshalb diesen Zustand des Nichtwissens. Unsicherheit erleben sie als peinlich, dabei ist sie die wichtigste Tür zur  Wahrheit. Viele flüchten lieber zurück in die sicher erscheinenden Gefängniszellen des Verstandes.

Doch nur ein gedankenleer gehaltener Raum gibt der Göttin eine Chance, um ihre klugen Impulse spürbar nach außen zu funken. Wer in die Lücken hinein horcht und lauscht,  bekommt Verbindung zur tieferen Weisheit jenseits der Gedankenschleifen.  Die nicht-konditionierte Intelligenz kann aufsteigen und die Regie übernehmen. Sie ist heilsam für alle Beteiligten. Das Korsett ist in diesem leeren Raum einfach nicht mehr vorhanden. Deshalb ist die Befreiung vom Verstand die einzig wahre Befreiung, die es gibt.

Unterbrechungen im Strom der Gedanken  mitten in den Turbulenzen des Alltags zu üben, ist zudem die sinnvollste und heilsamste Sache der Welt. Wenige Sekunden genügen manchmal schon.

Eine Weile wird man Hin- und Herpendeln zwischen Korsett und Freiheit, bis es natürlich geworden ist, sich dauerhaft in der Gegenwart aufzuhalten. Dann ist die Spaltung zwischen Göttin und irdischer Frau überwunden, denn die Göttin lebt nun jeden Augenblick in und durch die irdische Frau jenseits des Denkens. Sie sind eins geworden – schlicht, einfach, natürlich:

Himmelblaue Wochen

„Obwohl diese Liebesbegegnung schon so lange her ist, erinnere ich mich an jedes ihrer zauberhaften Details, zum Beispiel wie ich in meinem verwaschen blauen Leinenkleid die breite, staubige Straße hinunter hüpfte. Schon wieder so ein makellos sonniger Tag. Frei und glücklich genoss ich es, in einem Seminarzentrum in Kalifornien Himmel blaue Wochen verbringen zu dürfen. Ein Lächeln umspielte meine zweiundvierzig jährigen Lippen.

Da tauchte die Silhouette eines Mannes auf, der mir von weit unten entgegenkam. Mit jedem seiner Schritte schälte er sich mehr aus der Verschwommenheit der Ferne heraus. Irgendetwas in mir zwang mich zur Langsamkeit. Gut sah er aus und meine Beine stellten um auf Schneckentempo. Wir liefen direkt aufeinander zu, jetzt fast in Zeitlupe, bis wir - zwei völlig Fremde - voreinander zum Stehen kamen. Mein Verstand verfiel für einen Augenblick in Schockstarre und rang nach Worten. Doch da lächelte mir schon ein freundliches „Hallo!“ entgegen, das ich etwas ungeschickt erwiderte. Ohne Worte schauten wir uns an. Wer als erstes die Fassung wieder fand, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls huschte ein kleiner Smalltalk zwischen uns hin und her. „Wir könnten uns heute Abend bei der Disco treffen!“ meinte er schließlich und entließ mich aus dem süßen Bann.

Ich hüpfte beglückt weiter, bis ich die Rezeption erreicht hatte, wo ein Fax für mich angekommen war. Es verkündete die Trennung von meinem Liebsten zuhause, der nicht länger  bereit war, meine sexuellen Freiheitsanwandlungen hinzunehmen.

Zerbrochenes Herz

Das Herz zerbrach mir auf der Stelle. Ein verheißungsvoll begonnener Tag zerbröckelte und mündete in einen stundenlangen Kollaps. Schluchzend lag ich in meinem Zimmer, als drei meiner Freundinnen mich gemahnten, mich für die Disco fertig zu machen. Mit aufgequollenen Augen und zermürbter Seele weigerte ich mich. Bis heute bin ich dankbar, dass sie auf mich eingeredet haben: „Du kannst doch auch deine Traurigkeit tanzen. Du musst gar nicht anders sein als du bist. Niemand muss sich verstellen, um tanzen zu können!“ Das überzeugte mich. Den Schicksalswink vom Vormittag hatte ich längst vergessen. Nun traute ich mich zum ersten Mal in meinem Leben, in einem völlig hoffnungslosen Zustand tanzen zu gehen.

Die Disco war Gott sei Dank unüberschaubar voll und lichtgedämpft. Tausend Leute fasste sie, und ich glaube, dass sich etliche weitere hineingemogelt hatten. Mitten in der Menschenmenge und doch abgekapselt tanzte ich vor mich hin. Kurz dachte ich an den schönen Fremden. Ihn hier zu finden, war aussichtslos. Wusste ich überhaupt noch, wie er aussah? Zudem war ich nicht im Geringsten kontaktfähig und völlig verheult.

So ergab ich mich lieber in mein Schicksal. Nach einer Weile war ich auf seltsame Weise sogar in meinem bitterem Schmerz wieder eins mit Gott und der Welt. 

Tanzen

Da blitzte aus heiterem Himmel ein feuriges Augenpaar auf. Innerhalb von einer Sekunde riss es mich heraus aus meiner Leidenstrance. Er war da. Tatsächlich hatte mich dieser Mann entdeckt. Lächelnd katapultierte er mich mitten hinein in eine prickelnde Gegenwart.

Was jetzt geschah, kann in keine noch so schönen Worte gekleidet werden. Wir tanzten durch die ganze Tastatur des Klaviers. Keinen einzigen Ton ließen wir aus: Zart, ja hauchfein wiegten wir uns zu Musik und Rhythmus. Unsere Körper streiften sich nur ganz sachte. Dann kamen leidenschaftlichere, sehr handfeste Takte, bei denen wir uns kraftvoll umgarnten und uns bisweilen sogar fest ineinander gekrallt im Rhythmus auf dem Boden wälzten. Hin und her, vor und zurück, nach oben, nach unten:  Schier unendliche Male loteten wir das Tanzorchester der Liebe aus und verdrehten uns die Köpfe nach allen Regeln der Kunst.

Wir liebtanzten, bis uns die Musiker auf fast leerer Tanzfläche den Hahn zudrehten.

Zögern

Mild und sternenklar empfing uns draußen die Sommernacht. Zu uns beiden gesellten sich Martins Freund Carter und  die pausenlos schnatternde, etwas aufgetakelte Frau in seinen Armen. Martin lud alle zusammen in seinen Wohnwagen ein. Der Zauber der Tanznacht pulsierte noch in meinen weit geöffneten Poren und begann sich auf einmal zu sträuben. Unbehagen machte sich breit. Ich merkte, dass ich mich irgendwie in die falsche Richtung bewegte. Es fühlte sich komisch an, den anderen zu folgen, ohne dass ich genau sagen konnte, warum. Die schrille Stimme der Frau drangsalierte jede meiner Nervenfasern. Ich blieb stehen: „Martin, ich weiß nicht, was jetzt für mich richtig ist. Ich brauche ein bisschen Zeit, um es herauszufinden.“ Ich setzte mich auf einen riesigen Felsbrocken, der immer noch von der heißen Tagesglut aufgewärmt schien und schloss meine Augen. Martin ließ sich auf den Nachbarstein nieder und schien auf mich zu warten.

Versinken

In meinem Inneren tobte es: „ Um Himmels willen, ich weiß ja gar nicht, was ich jetzt am liebsten möchte: Alleine sein? Nein, das wäre schade. Wohnwagen? Auch nicht. Was dann? Los, beeile dich! Du kannst Martin doch nicht einfach hier sitzen lassen. Entscheide dich. Na, mach schon. Warum in aller Welt gehst du nicht einfach mit?“  Millionen Gedanken schienen um meine Aufmerksamkeit zu buhlen, und mir das Tor zu mir selbst zu versperren. Es wurde einfach nicht still. Ich blinzelte durch die unmerklich geöffneten Lider. Er saß noch da, schien selbst ganz versunken zu sein. Da holte ich tief Luft. Es dauerte lange, bis sich auf einmal der tosende Verstand ergab. Stille trat ein. Da hörte ich die Sprache der Liebe fragen: „Wenn du nur dich selbst jetzt glücklich machen müsstest, was würdest du dann am liebsten tun?“ Ich lauschte in mich hinein. Heitere Freude kam auf. Nach gefühlten Ewigkeiten, nach heutiger Schätzung etwa einer halben Stunde, öffnete ich meine Augen: „Martin, ich wünsche mir, dass jeder von uns beiden jetzt alleine duschen geht. Wenn du in einer halben Stunde zu mir kommst (ich zeigte ihm die Richtung und sagte ihm meine Zimmernummer), bin ich soweit!“ 

Stille und Gebet

Sein wissendes Lächeln küsste mich durch die laue Luft. Wir verschwanden im Dunkel der Nacht. Nach weggeschwemmtem Tanzschweiß verwandelte ich mit ein paar Handgriffen, Tüchern, Kerzen und sanfter Musik  das nüchterne Hotelzimmer in einen kleinen Liebestempel. Mein Herz pochte in lustvoller Erwartung. Wie gerne erhörte ich sein Klopfen – auf die Minute genau. Achtsam und staunend betrat er den Raum und nahm Platz. Wortlos saßen wir einander gegenüber. Unsere Hände fanden sich. „Gehst Du mit mir noch für einen Moment in die Stille?“ Das tat er gerne. Meine Augen fielen zu. Ich widmete in einer Art innerem Gebet die gemeinsame Zeit der Liebe und der gegenseitigen Heilung, genoss noch eine Weile unser Schweigen in all seiner zärtlichen Ewigkeit. Dann tauchte ich auf und unser Spiel begann. Wir loteten die Ecken des Bettes genauso aus wie zuvor den Tanzsaal mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten.

Engelsgleich umhüllten und durchdrangen wir uns, versanken in unseren Augen, , beschenkten uns mit tränennassen Liebesworten, überließen unsere Körper dem Kampf praller Leidenschaft, redeten, genossen die Stille und fragten uns aus: Ja, wir beide waren Freigeister und wollten es auch bleiben. Niemand sollte uns im Namen der Liebe einfangen und an die Beziehungskette legen. Darin waren wir uns einig. Wie eine Liebesmelodie sang ich seinen Namen in sein Ohr. „O bitte nochmal, nochmal!“ bettelte er. Scheinbar von selbst verschwanden die Hüllen zwischen uns. Wir erkundeten einander bis hinein in die verborgensten Winkel. „Meine Brüste würde ich am liebsten vor dir verstecken, weil sie nach langer Stillzeit nur noch wie zwei leere Hautsäckchen aussehen.“ Er sah sie liebend an, hielt sie unter seinen ebenmäßigen Männerhänden, beschenkte sie mit sorgfältiger Zartheit. Tränen rannen über meine Wangen, während er unter seinen fast heiligen Liebkosungen meine beklemmende Scham sachte schmelzen ließ.  Unsere ehrlichen Worte – er gestand mir nach einigem Zögern auch sein Alter – öffneten die letzten Poren und wir waren so unendlich bereit füreinander.

Liebesglut

Verspielt und schäkernd streifte ich ihm schließlich das Kondom über. „Legst Du Dich auf mich?“ lud ich ihn ein. Sein Liebesstab lag bereit an meiner offenen Pforte. „Ganz, ganz langsam“, flüsterte ich. Millimeter für Millimeter kam er zu mir, bis er im tiefsten Inneren ankam. Umschlungen und doch ohne Bewegung lagen wir ineinander, während das heiße Blut durch die lüsternen Adern quoll. „Lass uns noch eine Weile ganz still bleiben, Martin“, flüsterte ich.“  Unsere Körper gehorchten. Ich trank seine Augen und saugte mich voll mit Liebesglut.  „Spürst Du mich?“ fragte er. „O ja, das tu ich. Ich spüre Dich überall.“ Ganz wach achteten wir aufeinander. Nein, eigentlich orientierte eher er sich an meinem Körper, seinen Signalen und meinen liebevoll führenden Worten. Sein Becken antwortete zart auf meine kleinen Wellenbewegungen. Berge und Täler wechselten sich ab. Was für ein Liebeskünstler! In keiner Minute bedrängte mich seine üppige Lust. Sie war einfach ganz für mich da und begleitete mich durch einige Höhenflüge, bis er sich schließlich vom letzten Gipfel mitreißen ließ. Wir lachten uns die Seele aus dem Leib, während unsere Körper entspannt nach unten sanken.

Abschied

Meistens bat ich nach einer Ruhephase an dieser Stelle meine vergangenen Liebhaber, zu gehen, angeblich, weil ich zu zweit im Bett nicht gut schlafen kann. In Wahrheit wollte ich einfach nur alleine sein und ohne weitere Verpflichtung aufwachen. Jetzt hörte ich mich fragen: „Schläfst du hier bei mir?“ „Wie kannst du nur glauben, dass ich jetzt weggehen könnte?“ antwortete er, so herzensoffen, so sanft, so satt und liebtrunken wie ich. Ganz miteinander verwoben verschliefen wir die kurze Zeit, bis der Morgen uns küsste. Ich sehe uns noch heute angezogen nebeneinander auf dem Bett sitzen. Ohne Worte war uns klar, dass wir uns nie mehr wieder sehen würden. Seine Tränen vermischten sich mit meinen bei unseren fast ehrfürchtigen Abschiedswehen. Wir hielten uns aneinander fest, als wollten wir uns wider besseres Wissen niemals loslassen.

"Für den Fall des Falles"

Ein Herz und eine Seele -  voller Glück und Dankbarkeit – ja, das waren wir. Die Tür fiel ins Schloss und ein Schmerz durchbohrte meine Brust. Ich atmete durch und weinte vor Glück und vor Weh. Eine halbe Stunde später liefen wir uns noch einmal über den Weg. Er steckte mir einen Zettel zu. „Für den Fall des Falles!“ sagte er. Auf dem Zettel stand seine Adresse. Ich trug sie eine Weile spazieren. Dann zerriss ich sie und streute sie in den Wind. Diese Nacht war vollkommen. Eine himmlische Sternschnuppe, ein Geschenk der Göttin. Es konnte durch Festhalten nicht verbessert, nicht ergänzt, sondern höchstens geschmälert und zerstört werden. Woher ich das weiß? Keine Ahnung, aber ganz tief innen weiß ich es mit Sicherheit.“ (Wahrer Erfahrungsbericht)

Die Antwort von innen

Ist es nicht erstaunlich, dass zwei unterschiedliche Frauen in einer fast exakt gleichen Situation so unterschiedliche Erfahrungen machen? Hängen etwa Glück oder Unglück gar nicht von den äußeren Umständen ab? Hat nicht die Göttin oder die innere Stimme in jeder der beiden Geschichten laut und vernehmlich ihre Zeichen gesetzt? Auf jedes konkrete Anliegen gibt es tief innen eine heilsame Antwort , die aus dem Korsett herausführt– für jede Frau und jeden Mann. Die Frage lautet nur: „Werde ich bereit sein, innezuhalten und zu horchen?“

Ein Artikel von Regina Heckert, erschienen im Connection-Magazin (2015)

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